Prostitution 2021 – Thesenpapier – Wo liegt die Zukunft der Prostitution?

Prostitution 2021 - Thesenpapier - Wo liegt die Zukunft der Prostitution?Prostitution 2021 – Thesenpapier – Wo liegt die Zukunft der Prostitution?

„Wenn der Wind der Veränderung bläst, bauen einige Menschen Mauern und andere bauen Windmühlen.“

Die Prostitution und deren Ausübung befindet sich „unter Corona“ stark im Wandel; die Betreibung von Prostitutionsstätten ist bundesweit seit Anfang November 2020 untersagt. Unter dem neuen „4. Bevölkerungsschutzgesetz“, dass seit vergangener Woche bundesweit gilt, wurden neue Fakten geschaffen, die die Ausübung des Gewerbes bei den gegenwärtigen Inzidenzen von über 100 massiv behindern und die es Ordnungsbehörden ermöglichen drastische Maßnahmen zu ergreifen, wenn man jetzt „körpernah“ tätig wird.

Prostitutionsstätten sind geschlossen! – Prostitution findet dennoch bundesweit statt!

Zur Ausübung der Prostitution benötigt man in den meisten Fällen Räume, die sich in der Regel in sogenannten „Prostitutionsstätten“ befinden, also in geschützten und konzessionierten Betrieben, die über eine Erlaubnis nach dem ProstSchG verfügen, verbindliche Hygienestandards bieten und ständiger behördlicher Kontrolle unterliegen. Die anwesenden Dienstleisterinnen werden dokumentiert, ihre Arbeitserlaubnis (der „Hurenpass“) wird überprüft. Regulierte Verhältnisse, die gerade auch „unter Corona“ Vorteile gegenüber „grauem Handeln“ beinhalten.

Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis und die Nachfrage war und ist auch in der Pandemie vorhanden, vielleicht etwas weniger ausgeprägt als zu normalen Zeiten, aber durchaus intensiv genug, um auf der Seite der Kunden den Trieb auch im gewerblichen Bereich ausleben zu wollen. Einige „Angsthasen“ sind vermutlich erotisch vorübergehend „in Rente“ gegangen, doch die überzeugten „Fick-Sportler“ kann man nicht bremsen und man musste kein Prophet sein, um festzustellen, was daraus resultiert:

Sexarbeiterinnen und Kunden passen sich den Verhältnissen an

Viele Sexarbeiterinnen pflegen ihre Stammkunden und man steht über Telefon, WhatsApp und Mail im stetigen Kontakt. Wenn der Bordellbetrieb nun geschlossen ist, ist man dennoch in der Lage zu kommunizieren und Termine außerhalb des Betriebs zu organisieren. Man besucht den Kunden, man mietet ein AirBnB-Appartement oder trifft sich an sonstigen ungewöhnlichen Orten, um den bezahlten Akt zu vollziehen. Im Bereich der Wohnungsprostitution gibt es vielfältige Möglichkeiten, da die Zugriffsmöglichkeiten der Ordnungsbehörden hier sehr eingeschränkt sind und eine gewisse „Duldung“ eher der Normalzustand war.

Da man die Sexarbeitenden nicht mit Überbrückungshilfen und ähnlichem unterstützt und Hartz-4 in den überwiegenden Fällen nicht zum gewohnten Lebenswandel passt, ist das „Weiterarbeiten“ für viele Anbieterinnen einfach notwendig. Man tut es wohl mit einem mulmigen Gefühl, man hat aber vermeintlich keine andere Wahl. Moralisch bewerten wollen wir dies nicht. Festzustellen bleibt jedoch, dass Prostitution auch ohne offizielle Betriebe und ohne offizielle Vermittlung stetig stattfindet und damit die gesamte Branche bereits stark verändert hat.

Eine Branche im Wandel – Welche Auswirkungen sind möglich?

Durch Corona hat sich die Sexarbeit in den „privaten“ Bereich verlagert. Von den diskret vereinbarten Treffs bis hin zur plakativen unerlaubten Straßenprostitution in Brennpunkten reicht die Bandbreite der Möglichkeiten. Der Reiz des Verbotenen spielt ein Rolle; das geringe Risiko der Entdeckung tut ein Übriges. Man kann ein Stück weit von der „Emanzipierung“ vieler Sexarbeiterinnen sprechen. Diese entstand durch die Notwendigkeit des Geldverdienens und wenn man geschäftstüchtig und innovativ ist, kann man gerade unter Corona gutes Geld verdienen. Wenn das Angebot geringer wird, die Nachfrage aber etwa gleich hoch bleibt, steigen in der Marktwirtschaft die Preise. Ein angenehmer Nebeneffekt der „privaten Arbeit“ ist auch die temporäre „Steuerfreiheit“, die dadurch begünstigt wird, dass die Arbeitsaufzeichnung in den dazu verpflichteten Betrieben nicht stattfindet.

Ähnlich wie beim boomenden Online-Direkt-Handel, fällt der „Zwischenhandel“ im Bereich der Prostitution (momentan) aus. Bordelle ziehen in normalen Zeiten automatisch Kunden an. Selbst wenn man keine individuelle Werbung schaltet, kann man auf Lauf- und Stammkundschaft hoffen, gegenwärtig ist aber die „Direktvermarktung“ Pflicht, wenn man seine Taler verdienen will. Das Bordell fällt ähnlich wie der „Einzelhandel“ gerade aus und man muss sich als Betreiberin oder Betreiber die Frage stellen, wie es nach der Pandemie weiter gehen wird.

Kommen die früheren Mieterinnen nach Corona zurück oder haben diese bereits neue Betätigungs-Möglichkeiten aufgetan? – Ist das Geschäftsmodell nach Corona noch tauglich oder muss man sich neu aufstellen? – Wie hoch ist die Ausstiegquote? – Bleibt Deutschland zahlenmäßig „das Bordell Europas“?

Alle diese Fragen kann man an dieser Stelle noch nicht schlüssig beantworten. Vieles wird sich vermutlich wieder „halbwegs einspielen“, wobei sich aber die Frage stellt, auf welchem betriebswirtschaftlichen Niveau. Vom unbeschwerten Arbeiten ist man momentan jedenfalls kilometerweit entfernt. Betreiberinnen und Betreiber werden mit „Überbrückungshilfen“ beruhigt, haben aber trotzdem bisweilen Existenzängste, da die Zukunft der Rotlicht-Betriebe unsicher erscheint.

Nach neuesten Prognosen von Experten, wird Deutschland im Juli / August 2021 durch die jetzt zügiger laufenden Impfungen eine Herdenimmunität entwickeln und man rechnet bereits in den kommenden 4 Wochen mit einem spürbaren Absinken der Neuinfektionen. Ende Mai erscheint eine dauerhafte Inzidenz von unter 100 als realistisch und dann bleibt abzuwarten, wann und mit welchen Auflagen die erotischen Betriebe wieder öffnen dürfen.

Wird Prostitution in den dafür vorgesehenen Betrieben mit einer vereinfachten Test-Strategie wieder möglich sein? – Ist die Vorlage eines Impfnachweises hilfreich oder macht man der Branche weiter das Leben schwer? – Wie verhalten sich die Landesregierungen?

Klagen, die im vergangenen Jahr Erfolge brachten, sind momentan (noch) nicht angebracht. Sollte es im Rahmen der Öffnungen aber zu „Ungleichbehandlungen“ kommen, sind die Juristen wieder gefragt. Aktuell muss die politische Arbeit intensiviert werden, wobei Sexarbeiterinnen und Betreiber, trotz teil unterschiedlicher Interessen, an einem Strang ziehen sollten.

BSD e.V., BesD e.V., aber auch neue Zusammenschlüsse und nicht zuletzt unsere Interessengemeinschaft Zukunft Rotlicht, sollten hier die Interessen bündeln und den stetigen Dialog nach innen und außen führen. Die Grundsteine hierfür sind gelegt und ich hoffe, dass wir auf diesem Fundament „unser Haus“ im Mai weiter ausbauen. Lasst uns Allianzen schmieden und gemeinsam am Ball bleiben!

Ich arbeite in diesen Tagen an einem Thesenpapier, dass sich mit dem Thema weiter befassen wird und freue mich dann auf einen zielführenden Dialog!

Ihr / Euer

Howard Chance

https://www.zukunft-rotlicht.online


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