Mal ehrlich? – Eine eilige Hatz durch den Wald ohne Tiefgang!


Mal ehrlich? – Eine eilige Hatz durch den Wald ohne Tiefgang!

SWR-Talkshow: „mal ehrlich … Sex gegen Geld: gehört das verboten?“

Die Erotikbranche hatte dem gestrigen Abend entgegengefiebert: nach einer langen Zeit der medialen Abstinenz war das Thema „Prostitution in Deutschland“ wieder einmal Thema einer Live-Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Der SWR hatte zu einem Bürgertalk in den Alten Schlachthof nach Mannheim geladen, wo Politikerinnen, Protagonistinnen und Protagonisten der Sexarbeits-Branche und weitere Expertinnen und Experten in einen einstündigen Dialog traten.

Wirklich „Neues“ gab es in der Talkshow nicht zu entdecken, wir hatten es wieder mit einem wenig würzigen „Aufguss“ von alten Thesen und Meinungen der Prostitutionsgegner(innen) zu tun, die gleich mit einer ganzen Quadriga vertreten war: Sandra Norak, das allgegenwärtige und möglicherweise inszenierte Vorzeigeopfer; Leni Breymaier, die SPD-Bundestagsabgeordnete, die keiner kennen würde, wenn sie nicht den „Kampf gegen die Prostitution“ auf ihre Fahne geschrieben hätte; der Sitten-Polizist Kriminalhauptkommisar i.R. Manfred Paulus; der durch die Karpaten reitet und dort Zwangsprostituierte befragt und schlussendlich die „Wissenschaftlerin“ Julia Wege von einer Beratungsstelle des Diakonischen Werks, wo man Sexarbeiterinnen u.a. mit Ausstiegsangeboten auf den „guten Weg“ zurückbringen will.

Auf der Gegenseite „Pro Prostitution“ die „Lobbyhure“ Salome Balthus aus Berlin, die neben ihrer persönlichen Sexarbeit auch publizistisch tätig ist, nicht dem gängigen „Prostituierten-Bild“ entspricht und die selbstbestimmte Sexarbeit deutlich befürwortet. Dazu John Heer, Immobilien-Unternehmer und Betreiber von Bordellbetrieben in Stuttgart mit dem Ansatz Bordellbetriebe im 21. Jahrhundert nach kaufmännischen Grundsetzen gesetzeskonform und „milieuuntypisch“ zu führen, neben der FPD-Bundestagsabgeordneten Judith Skudelny (FDP), die deutlich liberale Ansätze verfolgt, sich deutlich gegen ein Sexkaufverbot ausspricht und den Staat in der Verantwortung sieht das Erotik-Gewerbe zu kontrollieren und Missstände zu beheben.

Zur insgesamt „bunten Mischung“ gesellten sich dann noch ein Opfer-Rechtsanwalt aus Baden-Württemberg und der Pfälzer Freier „Karl“, die Kurzstatements erbrachten, aber für die weitere Diskussion nicht zur Verfügung standen. 9 beteiligte Personen plus Moderator. 10 Beteiligte für gerade einmal 60 min Sendezeit! Die doppelte Anzahl von Personen wie bei den ähnlichen Formaten „Anne Will“, „Maischberger“ oder „Maybritt Illner“. Maximal 5 Minuten freie Redezeit pro Person, wenn man Anmoderation, Dialog und Rückfragen einmal abzieht!

Was nun in den 60 min im „Schlachthof“ serviert wurde, erzeugte bei Zuschauer ein wildes Durcheinander im Kopf. Schon das Eröffnungs-Statement von Frau Balthus, die in der Diskussion um das „Nordische Modell“ abschließend deutliche nervös agierend „Huren-Hass“ witterte, wies in eine fragwürdige Richtung.

Frau Norak , die auf ihrem Hocker stocksteif verharrte und mit geradezu autistischen Zügen eine sehr persönliche „Story“ erzählte, wirkte, als hätte sie vor der Sendung starke Beruhigungsmittel konsumiert. Ihre „Loverboy-Story“, die sie in den vergangenen Jahren in gleicher Form bereits auf vielen medialen Bühnen dargeboten hat, soll typisch für das Milieu sein, ist es aber nicht! Effekthascherei und Inszenierung, die sodann jegliche sachliche Diskussion verhinderte.

So mussten die beteiligten Protagonisten zunächst zwangsläufig ihr Mitleid für Frau Norak bekunden, sich klar gegen Zwangsprostitution bekennen und damit rutschte die eigentlich gar nicht stattfindende Diskussion in den Bereich der Mythen ab, die von den versammelten Sexkauf-Gegnern geradezu mantrahaft wiederholt werden: das Prostituiertenschutzgesetz taugt nichts, die Fakten sind andere, alles ist sowieso kriminell! Man muss die Freier bestrafen! Das nordische Modell muss dringend herbei!

Zahlen und Fakten zählen nicht, wenn man die Tränendrüse drückt und auch eine zur Sendung erstellte Umfrage von infratest-dimap, bei der sich 77 % der Befragten gegen ein Sexkaufverbot aussprachen, war nur Beiwerk zu einem hektischen Durcheinander, bei dem der Moderator seinen roten Faden nicht mehr fand. Ein Schlagabtausch, der nicht in die Tiefe gehen konnte, weil es an Zeit fehlte.

Was John Heer mit Jürgen Rudloff gemein hat, war nicht zu erkennen und Frau Breymaiers Versuch den honorigen Stuttgarter Betreiber als „Rudloffs Talkshow-Nachfolger“ zu verunglimpfen, war allenfalls peinlich. Das es zuverlässige und bemühte Betreiber gibt, will Frau Breymaier einfach nicht in den Kopf. Das ihre „Sex-and-Crime-Stories“ ständig an der Realität vorbeigehen, begreift sie in diesem Leben sicher nicht mehr. Das würde ja das von ihr gelebte System stören und ihren „Marktwert“ senken. Sie übersieht ja auch, dass ihre eigene Partei am nordischen Modell kein großes Interesse zeigt, hat aber offensichtlich durch die gegen sie noch anhängigen Strafanträge die Strategie verändert.

Auch die „Wissenschaft“ von Frau Wege ist verwegen: Salome Balthus wies zu recht darauf hin, dass Beratungsstellen für Prostitution nur von Sexarbeiterinnen mit Problemen aufgesucht werden und dass selbstbestimmte Ladies dort sicher nicht aufschlagen. Wenn man es nur mit Kranken zu tun hat, übersieht man die Gesunden; welches Ergebnis sollen Studien dann haben?

Kommissar Paulus hat mit den Jahren signifikant an Biss verloren und muss in Bezug auf die Stuttgarter Verhältnisse der Vergangenheit sogar einräumen, dass das „Paradise“ eher die Ausnahme war und dass die „Stuttgarter Sitte“ mit den dortigen Betreibern, wie z.B. John Heer, keine Probleme hat. Stuttgart kontrolliert engmaschig und es sind die illegalen Betriebe und Manager, die Sorgen bereiten!

Verschleppte Damen findet man in der Regel weder in Stuttgart noch sonstwo in Deutschland in offiziell genehmigten und geprüften Bordellbetrieben und die Behörden wären froh, wenn es nur diese geben würde. Die „Unsitten“ im Rotlicht-Gewerbe haben sich dadurch entwickelt, dass die Behörden nicht entschlossen gegen illegale Betreibungen und gegen den Graumarkt vorgehen.

Man kontrolliert die offiziellen Häuser und duldet oder toleriert gleichzeitig den entstandenen Wildwuchs. Das ist so, als wenn man bei einer Verkehrskontrolle nur die kontrolliert, die garantiert keinen Alkohol getrunken haben, während man die Volltrunkenen vorbeiwinkt!

Dass auch „Freier Karl“ noch „merkwürdig“ zu Wort kommt, entspricht dem chaotischen Konzept der Sendung. Auch er hat bei seinen Bordellbesuchen schon mal Damen gesehen, denen es nicht so gut geht und die vielleicht einen bösen Zuhälter haben? Vielleicht aber auch nicht? Gefasel der Extraklasse und genauso gewinnbringend wie der Opferanwalt, der staatstragend eine Horror-Geschichte aus dem „Paradise-Prozess“ beisteuert und dann sofort wieder vom Monitor verschwindet.

Wer will die Schilderungen von „glücklichen Huren“ wie Frau Balthus hören? Ich mache meinen Job und sowohl ich wie auch meine Kunden haben Freude daran? Das klingt nicht dramatisch, es fehlt an Gewalt, es geht nicht um Leben und Tod! Sex and crime bei 0%! Sex und erst recht der gewerbliche muss möglichst schmutzig sein!

Wenn der Staat seine Pflichten nach dem Prostituiertenschutzgesetz und dem Gesetz gegen Menschenhandel ernst nehmen würde, wäre das nordische Modell kein Thema. Man muss da hinschauen, wo es brennt und nicht dort, wo alles in Ordnung ist. Die Prostitutionsgegner sehen den Feind an der falschen Stelle. Ordentlich arbeitende Bordellbetreiber(innen) und dabei dürfte es sich um die überwältigende Mehrheit handeln, sorgen nämlich primär für Sicherheit und „Überprüfbarkeit“, während der Graumarkt sich bewusst jeder Kontrolle entzieht.

Neben „Corona“ hat das Prostitutionsgewerbe einen zweiten „Kriegsschauplatz“ und muss sich mehr denn je positionieren: gegen Menschenhandel, für eine saubere Sexarbeit und für klare geordnete Verhältnisse.

Die „mal-ehrlich-Show“ erwies sich rückblickend als „Format ohne Format“ und hatte für die Öffentlichkeit und für die Fachwelt leider keinen Nährwert! Eine sinnvolle „Verwertung der Aufzeichnung“ erscheint sogar als fragwürdig, da damit weder das eine noch das andere Ziel erreicht werden kann.

Howard Chance

https://www.zukunft-rotlicht.online